Brigitta Imme

Mitglied

Betreuer/in

Prof. Dr. Iris Hermann (Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

„Pfade in Utopia“?
Topographien in der deutschsprachigen Literatur Mandatspalästinas/Israels
Das Dissertationsprojekt untersucht Prosatexte der deutschsprachigen Literatur Mandatspalästinas/Israels, die von den 1920er- Jahren bis in die 1960er- Jahre verfasst wurden und aus divergenten Perspektiven die konfliktreiche Formierung des israelischen Staates und der israelischen Gesellschaft literarisieren. Die korpusbildenden Texte Neue Menschen auf alter Erde von Felix Salten (1925), De Vriendt kehrt heim von Arnold Zweig (1932), Thieves in the Night von Arthur Koestler (1946), Der blühende Busch von Jenny Aloni (1964) sowie der bezüglich Inhalt und Narrationsmodus aus der Reihe fallende Prosatext Hebräerland von Else Lasker-Schüler (1937) sollen mittels raumbasierter Ansätze erstmalig im Hinblick darauf analysiert werden, welche gedächtniskonstitutiven bzw. historiographischen Semantisierungen den dort literarisierten realen und imaginären Räumen und Orten zukommen. Die Frage, inwiefern das zionistische Masternarrativ der Rückkehr ins biblisch verheißene Land sowie Ideologeme der Utopie des Zionismus die literarisierten Selbst-, Exil-, und Geschichtsdeutungen beeinflussen, steht dabei im Zentrum des Forschungsinteresses.
Unter Rückgriff auf Birgit Neumanns erinnerungskulturelle Funktionsbestimmung literarischer Texte und Edward W. Sojas Modell des Thirdspace, schließt die Dissertation an literaturwissenschaftlich-raumbasierte Analysen deutsch-jüdischer Literatur sowie an raumbasierte Forschungsprojekte der Jewish Studies an und integriert zudem neue Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Jüdischen Geschichte und Kultur. Darüber hinaus bezieht sich die Dissertation auf aktuelle Forschungsgebiete der Literaturwissenschaft: Diaspora und Utopie als Paradigmen der von jüdischen Autoren/-innen verfassten Literatur des 20. Jahrhunderts sowie die Forschung zur Utopie im Exil.
Durch die Auswertung eines so noch nicht in den Blick genommenen diachronen Korpus der deutschsprachigen Literatur Mandatspalästinas/Israels, die als noch relativ junges Forschungsfeld vor allem im Zusammenhang mit der um die Jahrtausendwende einsetzenden kulturwissenschaftlich-kulturtheoretischen Neuorientierung der germanistischen Exilforschung immer intensivere Aufmerksamkeit und Präsenz gewinnt, vermag die Arbeit folgende Forschungsdesiderate zu schließen:
Erstens fokussiert die Dissertation primär diejenigen Prosatexte, die zum nation-building, dem zionistischen Kultivierungsprozess und den innerjüdischen Verwerfungen reflexiv und/oder kritisch Stellung beziehen oder sogar vor einer dystopischen Korruption der Utopie des Zionismus warnen. Dadurch grenzt sich die Dissertation von zahlreichen, bereits vorliegenden Forschungsbeiträgen ab, die Gedichte oder autobiographische Texte im Hinblick auf die dort artikulierten Selbstentwürfe einer personalen Instanz sowie deren sich wandelnde Vorstellungen von Heimat und Fremde untersuchen.
Zweitens wird die Forschungslandschaft, die überwiegend durch Applikation des Akkulturationsparadigmas und biographisch orientierte Analysen geprägt ist, um eine raumbasierte Studie erweitert.
Drittens eröffnet die stark kulturwissenschaftliche Prägung raumwissenschaftlicher Ansätze die Chance, literaturwissenschaftliche Textanalysen an kulturwissenschaftliche Fragestellungen anzuschließen, um dadurch von den noch kaum genutzten Synergieeffekten einer kombiniert literaturwissenschaftlich-kulturwissenschaftlichen Analyse zu profitieren. Zudem werden die Textanalysen durch Einbeziehung von Forschungsergebnissen aus dem Bereich der Jüdischen Geschichte und Kultur – insbesondere zur Formierung und Durchsetzung einer zionistischen Hegemonialkultur und zur Situation der Jeckes ̶ gewinnbringend vertieft.

Förderung

Stipendium des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks

Biographie

WS 2018: Immatrikulation als Promotionsstudentin der Neueren deutschen Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

2015/Juli: Magisterabschluss mit Auszeichnung (Note 1,0) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Titel der Magisterarbeit: „bei uns sprechen die Steine“. Trauma und Paradox bei Nelly Sachs und Hilde Domin

2014/Juni: Forschungsaufenthalt im Deutschen Literaturarchiv Marbach zur Erschließung der in weiten Teilen noch unveröffentlichten Korrespondenz zwischen Nelly Sachs und Hilde Domin im Rahmen der Magisterarbeit, gefördert vom Studienbüro der Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaften

2014/Januar – Juli: Ivritkurse an der Jüdischen Volkshochschule in München

SoSe 2009 – WS 2015: Magisterstudium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, Evangelischen Theologie und der Deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Praktikum

2017/Januar – März: Praktikum beim Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bad Nauheim

Tätigkeitsschwerpunkt: Mitorganisation des Festaktes zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille in der Frankfurter Paulskirche

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte

Deutsch-jüdische Literatur mit dem Schwerpunkt auf der deutschsprachigen Literatur Mandatspalästinas und Israels

Exilliteratur

Trauma und Literatur

Lehrtätigkeit

Proseminar Lyrik nach der Shoah im SoSe 2019

Vortragstätigkeit

Organisation und Konzeption der literarischen Soiree „Die Verwandlungen der Welt – zur Lyrik von Nelly Sachs“ in der ehemaligen Synagoge in Altenkunstadt am 21.02.2016